Praxis

Woran Sie einen echten Winterreifen erkennen — in dreissig Sekunden an der Flanke

Auf jeder Reifenflanke stehen zwei Kennzeichnungen, die beide „wintertauglich" bedeuten sollen. Eine davon ist geprüft, die andere ist eine Behauptung des Herstellers. Wer den Unterschied kennt, braucht dreissig Sekunden am geparkten Auto — und weiss danach, ob er im Januar richtig unterwegs ist.

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Woran Sie einen echten Winterreifen erkennen — in dreissig Sekunden an der Flanke
Die zwei Zeichen
M+S ist eine Angabe des Herstellers, das Alpine-Symbol eine bestandene Prüfung nach UNECE R117. Fünf Länder haben M+S seit 2022 fallen lassen.

Die zwei Zeichen

M+S — eine Angabe, keine Prüfung

M+S steht für „Mud and Snow", Matsch und Schnee. Die Kennzeichnung darf ein Hersteller anbringen, wenn er den Reifen für geeignet hält. Es gibt kein Prüfverfahren, keine Messung und keine Stelle, die nachkontrolliert.

Der TCS formuliert es so deutlich, dass man es zitieren muss: „M+S sagt also nichts über die Wintertauglichkeit des Reifens aus."[1]

Das heisst nicht, dass jeder M+S-Reifen schlecht ist. Es heisst, dass die Kennzeichnung für sich genommen nichts belegt.

Das Alpine-Symbol — eine bestandene Prüfung

Das Alpine-Symbol ist ein kleiner Berg mit drei Zacken und einer Schneeflocke darin. Offiziell heisst es 3PMSF, für Three Peak Mountain Snow Flake.

Dahinter steht ein Verfahren: Nach UNECE-Regelung Nr. 117 muss der Reifen auf Schnee eine Mindestbremsleistung nachweisen, gemessen gegen einen Referenzreifen. Wer die Grenze nicht erreicht, bekommt das Symbol nicht.

Der TCS: „Nur ein Reifen mit dem Schneeflockensymbol ist ein echter Winterreifen."[1]


So prüfen Sie es — dreissig Sekunden

  1. Gehen Sie zum Auto und schauen Sie auf die Seitenwand eines Reifens.
  2. Suchen Sie den Berg. Ein kleines Dreieck mit drei Spitzen, darin eine Schneeflocke. Er steht meist in der Nähe der Grössenangabe oder auf der gegenüberliegenden Seite.
  3. Prüfen Sie alle vier Reifen. Gemischte Sätze kommen häufiger vor, als man denkt — besonders bei gebraucht gekauften Autos.

Finden Sie nur „M+S" oder „M&S" ohne Berg, haben Sie keinen geprüften Winterreifen an Bord. Das kann für Ihre Fahrgewohnheiten völlig genügen — aber es ist eine Information, die Sie haben sollten, bevor es schneit.


Warum das seit 2024 wichtiger geworden ist

Jahrzehntelang genügte M+S überall. Das hat sich in kurzer Folge geändert:

Land M+S allein reicht nicht mehr seit
Estland 1. Dezember 2022
Lettland 1. Oktober 2024
Deutschland 1. Oktober 2024
Frankreich 1. November 2024
Schweden 1. Dezember 2024

In Deutschland lief eine lange Übergangsfrist aus: Reifen aus der Produktion vor Januar 2018, die nur M+S tragen, waren bis zum 30. September 2024 geduldet.[2] Seither sind sie bei winterlichen Verhältnissen nicht mehr zulässig.

Österreich dagegen akzeptiert M+S weiterhin.[3] Genau das macht die Sache unübersichtlich: Derselbe Reifensatz ist in einem Land in Ordnung und im Nachbarland nicht. Wer im Winter über die Grenze fährt, sollte das wissen — die vollständige Länderübersicht steht in unserem Beitrag Winterreifenpflicht in Europa.


Das zweite Erkennungsmerkmal: das Profil
Drei Continental-Reifen derselben Marke. Der Unterschied steckt in den Lamellen — Produktbilder aus dem eigenen Katalog.

Das zweite Erkennungsmerkmal: das Profil

Das Symbol ist die verlässliche Antwort. Aber man sieht den Unterschied auch, wenn man weiss, worauf man achtet.

Ein Winterreifen hat Lamellen. Das sind die feinen, oft zickzackförmigen Einschnitte quer durch die Profilblöcke — hunderte davon. Jede Lamelle ist eine zusätzliche Kante, die sich im Schnee verhakt. Halten Sie einen Winter- und einen Sommerreifen nebeneinander, springt der Unterschied sofort ins Auge.

Ein Sommerreifen hat breite, geschlossene Rippen und wenige, meist gerade Rillen. Er braucht eine grosse zusammenhängende Auflagefläche, weil er auf warmem Asphalt Kräfte übertragen muss, ohne dass die Blöcke wegklappen.

Ein Ganzjahresreifen liegt sichtbar dazwischen — Lamellen ja, aber gröber; dazu eine durchgehende Mittelrippe wie beim Sommerreifen. Der Kompromiss ist im Profil zu sehen.

Und der wichtigste Teil steckt gar nicht im Profil, sondern in der Gummimischung. Eine Wintermischung bleibt bei Kälte geschmeidig, eine Sommermischung wird hart. Das sieht man nicht, das merkt man nur beim Bremsen — und dazu unten die Zahlen.


Was der Unterschied in Metern ausmacht

Der TCS hat gemessen. Auf nasser Fahrbahn bei 7 °C Asphalttemperatur, Vollbremsung aus 80 km/h, Testdimension 205/55 R16:[4]

Bremsweg
bester Winterreifen 35,5 m
bester Sommerreifen 41 m

Fünfeinhalb Meter, bei sieben Grad und nass — also an einem ganz gewöhnlichen Novembertag, ohne eine Schneeflocke.

Auf Schnee bei minus 3 °C, Bremsung aus 50 km/h, wird es deutlicher: „Ein Sommerreifen hat auf Schnee nichts zu suchen. Mit ihm steht das Auto 27 m später still — etwa acht Autolängen — als mit dem Winterreifen."[5]

Diese Zahlen sind Messwerte des TCS, nicht unsere. Wir betreiben keinen Prüfstand. Sie gelten für die genannten Bedingungen, die genannte Dimension und die jeweils besten Reifen dieses Tests — nicht als Durchschnitt über alle Modelle.


Die Profiltiefe: die zweite Zahl, die zählt

Das Symbol sagt, was der Reifen kann, als er neu war. Wie viel davon noch übrig ist, sagt die Profiltiefe.

Gesetzlich vorgeschrieben sind in der Schweiz 1,6 Millimeter auf der ganzen Lauffläche — für Sommer- und Winterreifen gleich. Art. 58 Abs. 4 VTS: „Die Reifen müssen auf der ganzen Lauffläche mindestens 1,6 mm tiefe Profilrillen aufweisen."[6] Wer darunter liegt, zahlt 100 Franken pro mangelhaften Reifen.[6]

Empfohlen ist deutlich mehr. Der TCS: „Der TCS empfiehlt weiterhin, Winterreifen zugunsten der Fahrsicherheit ab einer Profiltiefe von unter 4 mm und Sommerreifen ab einer Profiltiefe von 3 mm erneuern zu lassen."[7]

Zwischen 1,6 und 4 Millimetern liegt kein Meinungsunterschied, sondern der Unterschied zwischen „nicht strafbar" und „bremst noch auf Schnee". Bei einem Winterreifen mit 2 Millimetern sind die Lamellen fast weg — das Symbol steht noch auf der Flanke, die Funktion dahinter ist es nicht mehr.

Und für die Reise wichtig: 1,6 mm ist der tiefste Wert in Europa, nicht der übliche. Österreich verlangt bei Winterreifen 4 mm, Kroatien und Tschechien ebenfalls, Slowenien und Schweden 3 mm.[3][8] Ein Reifen, der hier durch die Kontrolle kommt, kann dort zu wenig Profil haben.


Die drei Sätze zum Mitnehmen

  1. Der Berg mit der Schneeflocke ist das einzige Zeichen, hinter dem eine Prüfung steht. M+S ist eine Herstellerangabe.
  2. Prüfen Sie alle vier Reifen, nicht einen. Gemischte Sätze gibt es öfter, als man denkt.
  3. Unter 4 Millimetern ist ein Winterreifen kein Winterreifen mehr, auch wenn das Symbol noch draufsteht.

Zum Weiterlesen: Winterreifenpflicht in Europa · Ganzjahresreifen und das Gesetz · Reifengrösse verstehen · Winterreifen im Sortiment


Quellen und Stand

Stand 4. August 2026. Dieser Beitrag ist keine Rechtsberatung.

  1. TCS, Ratgeber „Winterreifen 2025", S. 5 — <https://www.tcs.ch/mam/Digital-Media/PDF/Booklets/ratgeber-winterreifen-2025.pdf>
  2. ADAC, „Beim Reifenwechsel beachten: Alpine-Symbol Pflicht bei Winterreifen" — <https://www.adac.de/news/auto-winterreifen-neue-regel-oktober/>
  3. ADAC, „Winterreifen- und Schneeketten-Pflicht in Österreich, Italien und Europa" — <https://www.adac.de/verkehr/recht/verkehrsvorschriften-ausland/winterreifen-schneekette/>
  4. TCS, Ratgeber „Winterreifen 2025", S. 38 — nass, 80 km/h, 7 °C Asphalt, Dimension 205/55 R16
  5. TCS, ebenda — Schnee, 50 km/h, minus 3 °C
  6. Verordnung über die technischen Anforderungen an Strassenfahrzeuge VTS, SR 741.41, Art. 58 Abs. 4; Ordnungsbussenverordnung OBV, SR 314.11, Anhang 1 Ziff. 402.1
  7. TCS, Ratgeber „Winterreifen 2025", S. 14
  8. Europäisches Verbraucherzentrum Deutschland, Stand 26. September 2025 — <https://www.evz.de/en/topics/transport/car/winter-tires/>

Die 7 °C und die minus 3 °C des TCS sind Asphalttemperaturen, nicht Lufttemperaturen. Wer daraus „bei 7 Grad Aussentemperatur" macht, verändert die Messung.

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