Wann wechseln? Was die Messungen sagen — und was die Faustregel taugt
„Von O bis O" — von Oktober bis Ostern. Die bekannteste Reifenregel der Schweiz ist praktisch, leicht zu merken und in einem Punkt irreführend. Wir haben nachgesehen, was tatsächlich gemessen wurde, und die Regel daran geprüft.
Die Faustregel und woher sie kommt
Der TCS formuliert sie so: „Als Faustregel gilt von O bis O, also von Oktober bis Ostern mit Winterreifen zu fahren. Falls es das regionale Wetter erfordert, muss man sie aber auch bereits früher montieren oder erst später wieder auf Sommerreifen wechseln."[1]
Der zweite Satz ist der wichtigere, und er wird fast immer weggelassen. Die Regel ist ein Kalendertrick, kein Naturgesetz — sie beschreibt das Mittelland in einem durchschnittlichen Jahr.
In der Schweiz gibt es keine Winterreifenpflicht. Der TCS: „In der Schweiz besteht keine gesetzliche Pflicht, das Auto im Winter mit Winterreifen auszurüsten."[2] Kein Datum zwingt Sie, und keines verbietet Ihnen etwas.
Was das Gesetz verlangt, ist etwas anderes: ein betriebssicheres Fahrzeug (Art. 29 SVG) und die Fähigkeit, es jederzeit zu beherrschen (Art. 31 Abs. 1 SVG).[3] Der TCS zieht daraus: „Bei Winterverhältnissen mit Sommerreifen zu fahren, egal ob mit dem Auto, dem Wohnmobil oder dem Wohnwagen, gilt nicht als betriebssicher und ist daher strafbar."[4]
Die 7-Grad-Regel — und warum sie zu scharf formuliert ist
Überall steht: „Ab 7 Grad auf Winterreifen." Auch bei uns stand das an mehreren Stellen, bis wir die Messung dahinter nachgelesen haben.
Der TCS misst auf nasser Fahrbahn bei genau 7 °C Asphalttemperatur, Vollbremsung aus 80 km/h, in der Dimension 205/55 R16:[5]
| Bremsweg | |
|---|---|
| bester Ganzjahresreifen | 33 m |
| bester Winterreifen | 35,5 m |
| bester Sommerreifen | 41 m |
Lesen Sie die Zahlen noch einmal. Bei genau 7 Grad ist der Sommerreifen 5,5 Meter schlechter als der Winterreifen — er ist dort also noch nicht im Vorteil, sondern deutlich im Nachteil.
Der Punkt, an dem die Sommermischung besser wird, liegt irgendwo darüber, und er hängt zusätzlich davon ab, ob es nass oder trocken ist. Auf trockenem Asphalt bei 30 Grad bremst der Sommerreifen erwartungsgemäss am besten.
Als Faustregel ist „unter 7 Grad Winterreifen" in Ordnung. Als Schwellenwert mit Gleichheitszeichen ist sie es nicht — sie unterschätzt den Winterreifen im Übergangsbereich. Und zwei Feinheiten gehören dazu: Es ist die Asphalttemperatur, nicht die Lufttemperatur, und morgens um sieben ist der Asphalt kälter als das Thermometer am Auto anzeigt.
Und auf Schnee?
Dort ist der Abstand kein Streitfall mehr. Der TCS misst bei minus 3 °C auf Schnee, Bremsung aus 50 km/h: „Ein Sommerreifen hat auf Schnee nichts zu suchen. Mit ihm steht das Auto 27 m später still — etwa acht Autolängen — als mit dem Winterreifen."[6]
Aus 50 km/h. Das ist Tempo 50 im Dorf, nicht Autobahn.
Diese Zahlen sind Messwerte des TCS, nicht unsere — wir betreiben keinen Prüfstand. Sie gelten für die genannten Bedingungen, die genannte Dimension und jeweils den besten Reifen dieses Tests, nicht als Durchschnitt über alle Modelle.
Wann also wechseln?
Aus dem, was belegt ist, ergibt sich ein brauchbarer Ablauf.
Auf Winterreifen: eher früh
Der Kalender sagt Oktober. Das Wetter kann früher sagen. Wer über einen Pass zur Arbeit fährt oder in einer Höhenlage wohnt, richtet sich nach der Bergstrecke, nicht nach dem Mittelland.
Der Nachteil eines frühen Wechsels ist gering: Ein Winterreifen bei 12 Grad trocken bremst etwas schlechter als ein Sommerreifen und verschleisst etwas schneller. Der Nachteil eines späten Wechsels ist der erste Schneefall, den man nicht bestellt hat.
Ein praktischer Auslöser statt eines Datums: Wenn morgens auf dem Auto Reif liegt, ist der Zeitpunkt da.
Auf Sommerreifen: eher spät
Der Kalender sagt Ostern — das schwankt zwischen dem 22. März und dem 25. April, was die Regel schon in sich ungenau macht. Warten Sie eher auf stabile Nächte über null Grad als auf ein Datum.
Der Nachteil eines späten Wechsels ist überschaubar: Ein Winterreifen bei 18 Grad verschleisst spürbar schneller. Der Nachteil eines frühen Wechsels ist der Aprilschnee, den es in der Schweiz jedes Jahr irgendwo gibt.
Nicht nur wechseln — auch hinschauen
Der Radwechsel ist die einzige Gelegenheit im Jahr, bei der jemand jeden Reifen einzeln in der Hand hat. Nutzen Sie sie:
Profiltiefe messen. Gesetzlich sind 1,6 Millimeter vorgeschrieben — Art. 58 Abs. 4 VTS: „Die Reifen müssen auf der ganzen Lauffläche mindestens 1,6 mm tiefe Profilrillen aufweisen."[7] Darunter kostet es 100 Franken pro Reifen.[7]
Der TCS empfiehlt deutlich mehr: „Der TCS empfiehlt weiterhin, Winterreifen zugunsten der Fahrsicherheit ab einer Profiltiefe von unter 4 mm und Sommerreifen ab einer Profiltiefe von 3 mm erneuern zu lassen."[8]
Rechnen Sie eine Saison voraus. Ein Winterreifen mit 4,5 Millimetern im April ist im November bei etwa 4 — und dann bereits an der Empfehlungsgrenze. Ihn einzulagern heisst, im Herbst neu zu kaufen. Es dann gleich zu tun, spart einen Termin.
Alter prüfen. Die DOT-Nummer auf der Flanke sagt Woche und Jahr — wie man sie liest.
Position notieren und beim nächsten Mal tauschen. Dann verschleissen alle vier gleichmässig, statt zwei vorne doppelt so schnell.
Und danach richtig einlagern — das entscheidet mit darüber, wie der Satz die sechs Monate übersteht.
Was mit Ganzjahresreifen?
Dann entfällt der Wechsel — und mit ihm die jährliche Kontrolle. Das ist der stille Nachteil, den niemand erwähnt: Wer nie wechselt, sieht seine Reifen nie aus der Nähe.
Setzen Sie sich zweimal im Jahr eine Erinnerung, im Oktober und im April: Profil messen, Seitenwände ansehen, Luftdruck prüfen. Zehn Minuten, die sonst der Radwechsel erledigt hätte.
Ob Ganzjahresreifen für Ihre Fahrsituation taugen und was rechtlich gilt, steht in unserem Beitrag Ganzjahresreifen und das Gesetz.
Die vier Sätze zum Mitnehmen
- „Von O bis O" ist eine Faustregel für das Mittelland, kein Gesetz — und der TCS sagt selbst, dass regionales Wetter vorgeht.
- Bei genau 7 Grad und nass ist der Winterreifen noch 5,5 Meter besser. Die Schwelle liegt höher, als die Regel behauptet.
- Auf Schnee sind es 27 Meter aus 50 km/h. Dort gibt es nichts abzuwägen.
- Der Wechseltermin ist der beste Kontrolltermin — Profil, Alter, Seitenwand, Position.
Zum Weiterlesen: Woran Sie einen echten Winterreifen erkennen · Reifen richtig einlagern · Winterreifen im Sortiment
Quellen und Stand
Stand 4. August 2026. Dieser Beitrag ist keine Rechtsberatung.
- TCS, FAQ Reifen — <https://www.tcs.ch/de/testberichte-ratgeber/ratgeber/reifen/faq-reifen.php>
- ebenda; gleichlautend die BFU, „Autofahren im Winter" — <https://www.bfu.ch/de/ratgeber/autofahren-winterreifen>
- Strassenverkehrsgesetz SVG, SR 741.01, Art. 29 und Art. 31 Abs. 1
- TCS, „Winterreifenpflicht im Ausland" — <https://www.tcs.ch/de/camping-reisen/reiseinformationen/wissenswertes/fahrzeugvorschriften/winterreifenpflicht-ausland.php>
- TCS, Ratgeber „Winterreifen 2025", S. 38, Abschnitt „Ganzjahresreifen gegen Spezialisten" — nass, 80 km/h, 7 °C Asphalt, Dimension 205/55 R16 — <https://www.tcs.ch/mam/Digital-Media/PDF/Booklets/ratgeber-winterreifen-2025.pdf>
- TCS, ebenda — Schnee, 50 km/h, minus 3 °C
- Verordnung über die technischen Anforderungen an Strassenfahrzeuge VTS, SR 741.41, Art. 58 Abs. 4; Ordnungsbussenverordnung OBV, SR 314.11, Anhang 1 Ziff. 402.1
- TCS, Ratgeber „Winterreifen 2025", S. 14
Die 7 °C und die minus 3 °C sind Asphalttemperaturen, nicht Lufttemperaturen.
Ungeprüft: Der Hinweis „wenn morgens Reif auf dem Auto liegt" ist eine praktische Eselsbrücke, keine Messgrösse. Ebenso die Aussage zum schnelleren Verschleiss von Winterreifen bei Wärme — sie ist unbestritten, aber wir haben keine Zahl dazu geprüft.
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